adventskalenderLayout & Gästebuch:
by Selia
Organisation & Kleinkram:
Rei & Maddle
Avatare und Nachtarbeit:
Tsumi & Nyx
Art & Fics:
Mitglieder des FF-Challenge-Zirkels

Wichtel online


  Startseite
  Gästebuch
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .
  .

http://myblog.de/adventskalender

Gratis bloggen bei
myblog.de





Anmerkung: Nicht übersehen - heute sind zwei Beiträge drin! ^_~


6.12.


Autor:
Maddle
Fandom: Harry Potter
Pairing:: keins - nur zwei Terroristen *g*
Challenge: „Plätzchenterror“
Feedback: Hier im GB oder auf Animexx


„Komm weiter...und sei leise...“

„Ja, ich—autsch!“

„Psst!“

Blitzschnell war George zu seinem Zwillingsbruder rübergekommen und hatte ihm seine Hand auf den Mund gedrückt, um Freds weitere Proteste sofort im Keim zu ersticken.
Sie mussten leise sein. Immerhin war es mitten in der Nacht, ihr Wecker hatte exakt drei Uhr morgens geklingelt, und ihre Tat, ihr Vorhaben...oder vielmehr ihr Plan...musste unentdeckt bleiben. Zumindest vorerst...

„Du weißt doch, wir sind in geheimer Mission unterwegs. Wir müssen leise sein, sonst wecken wir womöglich noch Mum und Dad auf.“

„Gmbrhl!“

„Was denn?“

„Gmbrhl!!!“

„Fred, bitte sprich ordent—oh, meine Hand. Ups!“

Fred, der seinem Bruder eben einen entrüsteten Blick zuwarf, schnappte hörbar nach Luft, als George seine Hand von seinem Mund nahm.

„Recht herzlichen Dank!“

„Komm jetzt weiter...und wehe, du machst noch einen Mucks!“

„Was kann ich denn dafür, dass Ron seine Chudley Cannons-Miniaturfiguren überall rumliegen lässt?!“ flüsterte Fred aufgeregt und noch immer leicht entrüstet zurück.

George jedoch winkte mit einer lässigen Handbewegung ab, packte den rechten Arm seines Zwillingsbruders und zog ihn weiter die Treppe des Fuchsbaus – so wie das traute Heim der Familie Weasley liebevoll genannt wird – hinunter. Während George zielstrebig die Stufen nach unten schlich und seinen Bruder mit sich zog, hatte Fred Mühe und Not, etlichen Gegenständen, die verstreut auf der gesamten Treppe lagen und irgendeinem Weasley-Mitglied gehörte, auszuweichen, um nicht darüber zu stolpern.

„George...hey George,“ flüsterte Fred, „ich glaube, ich hab‘ unsere Mathehefte von der dritten Klasse wiedergefunden! Wie kommen die denn da hin? Ich dachte, du hast sie damals verbrannt?“

„Ja, das wollte ich auch, aber Mum hat mir die Streichhölzer weggenommen.“

Noch ehe Fred etwas darauf erwidern konnte, hatte ihn George die letzte Treppenstufe mit runtergezogen, so dass sich die Weasley-Zwillinge nun in der kleinen Küche des Fuchsbaus befanden. Obwohl es mitten in der Nacht war, schien das ganze Haus beleuchtet. Ihre Mutter – Molly – hatte ein Faible für weihnachtlichen Schmuck. Auf dem Fenster standen etliche Weihnachtskerzen, die ausgingen, sobald sie umfielen, um mögliche Brände zu vermeiden. Molly hatte in all den Jahren schon häufig von diesen magischen Kerzen profitiert, denn in einem Haushalt mit sechs Söhnen, von denen zwei immer ganz besonders viel Unfug anstellten, waren diese Wunderkerzen nahezu ein Geschenk Gottes.

Fred drehte den Kopf ein wenig zur Seite, um in das kleine, gemütliche Wohnzimmer spähen zu können. Niemand außer ihnen war hier unten. Vom Wohnzimmerfenster, das auf den Garten der Familie Weasley blicken ließ, flackerte es unaufhörlich und in unkontrollierten Abständen.

„George...Dad hat doch nicht wirklich diesen Muggel-Weihnachtskram ans Fenster gehängt?“

George, der seinen Bruder noch immer am Arm festhielt, drehte seinen Kopf nun auch in Freds Richtung, um ins Wohnzimmer spähen zu können. Seine linke Augenbraue zuckte.

„Er hat. Wieso sagt ihm eigentlich niemand, dass das Teil einen Wackelkontakt hat?!“

„Vielleicht denkt er, dass das so sein muss?“

„Oh Mann...ich will adoptiert sein.“

Wohingegen Molly nicht genug vom Zauberweihnachtsschmuck kriegen konnte und alljährlich das gesamte Haus festlich schmückte, war ihr Mann – Arthur Weasley – ein absoluter Fan von ganz alltäglichen Dingen der Menschen, die es in der Zaubererwelt nicht gab. Fred und George konnten sich noch gut an den Tag im letzten Sommer erinnern, als die gesamte Familie Weasley zum Urlaub an den See fuhr und in einer Holzhütte der Muggel wohnte. Beim Anblick des Wasserkochers und des Telefons war Arthur Weasley schier in Ekstase geraten.

„Komm Fred, wir haben noch zu tun.“

„Ich will erst sehen, was in meinem Schuh ist!“

Es war die Nacht vom fünften zum sechsten Dezember. Heute war Nikolaus – auch in der Zaubererwelt. Schon von klein auf bekamen sie jedes Jahr am sechsten Dezember ein paar Süßigkeiten in ihre Schuhe gestopft. Und wie jedes Jahr schlichen sich die Beiden mitten in der Nacht hinunter, um genauestens zu inspizieren, ob eines ihrer Geschwister unberechtigterweise mehr in seinem Schuh hatte als sie selbst. Als Percy letztes Jahr jedoch am Morgen einen leeren Schuh vorfand, waren ihre nächtlichen Ausflüge aufgeflogen.

„Sieh dir das an! Ein Schokoladenriegel mit Kokosgeschmack! Wie konnte Mum—äh—ich meine der Nikolaus wissen, dass ich so etwas haben wollte???“

„Du hast in den letzten Tagen von nichts anderem mehr geredet, Fred.“

„Alles Taktik, Bruderherz! Manipulation ist, wenn man die Menschen Schritt für Schritt mit bestimmten Dingen konfrontiert. Immer und immer wieder.“

„Du hast Mum angefleht, dir einen Kokosriegel zu kaufen, als wir einkaufen waren... Und jetzt komm, sonst schaffen wir es nicht mehr rechtzeitig!“

Mit einem Flunsch im Gesicht stellte Fred seinen Schuh zu den acht anderen zurück in den Flur und folgte seinem Bruder in die Küche. Der Fuchsbau vermittelte in dieser Nacht einen warmen, gemütlichen Eindruck, denn die vielen Kerzen, Lichterketten und Weihnachtskugeln, die Molly in der Küche hat aufhängen lassen, hinterließen einen rötlichen Schimmer in dem kleinen Raum. Der goldene Weihnachtsstern auf dem riesigen Esstisch, der immerhin für mindestens neun Personen Platz hatte, funkelte, als George ihn beiseite schob.

„Sieh mal nach draußen...es schneit. Ich wette, Percy wird morgen früh wieder rumfluchen.“

Percy hasste Schnee. Eigentlich hasste er jede Wetterlage, die ganz plötzlich und vollkommen unerwartet über Nacht kam und seinen darauffolgenden Tagesplan durcheinander brachte. Sogar das Wetter besaß mehr Spontanität als Percy in seinem öden, faden Streberleben.

„Wenn das so weitergeht, sind wir morgen früh zugeschneit“, sagte Fred, als er einen erstaunten Blick aus dem Küchenfenster warf. Draußen war es, bis auf die kleine, lichtspendende Laterne vor ihrer Haustür, stockduster. Fred drehte sich wieder seinem Bruder zu, der gerade in Windeseile sämtliche Sachen aus den Küchenschränken holte und sorgsam auf dem Esstisch abstellte.

„Warum können wir nicht einfach die Teile zaubern?“ seufzte Fred und gesellte sich nun neben George, um all die Zutaten auf dem Tisch genauestens zu inspizieren. Was er dort sah, war...viel. Viel zu viel, um auch jemals das schaffen zu können, was sie sich gestern Abend vorgenommen hatten.

„Das wäre ‘ne Sache von ‘ner Minute. Und wir würden uns nicht mal schmutzig machen.“

George hob langsam den Kopf an und blickte seinem Zwillingsbruder direkt in das von klein auf sehr vertraute Gesicht. Fred anzusehen, war, wie in das eigene Spiegelbild zu schauen.

„Das hab‘ ich dir doch schon erklärt. Sieh mal, Mum ist stinksauer auf uns. Das weißt du doch. Und wenn wir jetzt einfach mit einem Zauber wieder alles gut machen, dann...dann ist das nicht dasselbe. Zaubern kann jeder. Aber wenn wir eigenhändig was zustande bringen, dann...freut sie sich sicher. Und ich will nicht, dass Mum an Nikolaus sauer auf uns ist.“

„Ich auch nicht“, flüsterte Fred betreten.

George hatte Recht. Sie mussten das jetzt durchziehen. Und das schlechte Gewissen wegen dem gestrigen Streich nagte doch ganz schön seit dem Zeitpunkt, als Fred den mit Süßigkeiten vollbepackten Schuh sah. Seine Mutter hatte ihm trotz alledem seinen heißgeliebten Schokoladenriegel mit Kokosgeschmack zum Nikolaus geschenkt.

Eigentlich war ja alles ganz harmlos gewesen, aber Molly hatte einen Riesenkrach deswegen veranstaltet. Fred und George hatten sich einen ganz besonderen Stuhl für ihren zukünftigen Scherzartikelladen gebastelt – einen sogenannten dreibeinigen Stuhl. Dieser wurde mit einem Zauber belegt. Sobald man sich raufsetzte, knickte das vierte, vollkommen harmlos wirkende Bein weg, so dass der Sitzende mit voller Wucht auf den Boden knallte.

In ihrer Phantasie mochte dies immer witzig ausgesehen haben, doch als sich bei ihrem ersten Testverlauf gestern Abend Ginny anstatt Ron, für den der Stuhl eigentlich vorgesehen war, raufsetzte und wie beabsichtigt auf den Boden knallte, war das Geschrei und der Zorn ihrer Mutter enorm. Ginny fing an zu weinen und musste mittlerweile wohl eine riesige Beule am Hinterkopf haben. Und Molly war kurz davor, ihnen beide eine gehörige Ohrfeige für diesen schlechten Streich zu geben. Verdient hatten sie es ja.

Und für Fred und George gab es wohl kaum etwas Schlimmeres als Mollys Zorn. Sie waren weder so stark und mutig wie Charlie, der sich in Rumänien um gefährliche Drachen kümmerte, noch so erfahren und hoch angesehen wie Bill, der in Ägypten bei Gringotts – einer von Kobolden betriebenen Geldbank – arbeitete. Und so klug wie Percy, der Streber, waren sie auch nicht. Keine Schulspecher, keine Vertrauensschüler. Eigentlich nur Treiber beim Quidditch, die für die Klatscher zuständig sind.

Aber verdammt, sie machten ihre Sache außerordentlich gut!

Dennoch änderte dies nichts daran, dass ihre Mutter sauer auf sie war und dass man ihr bestimmt am ehesten damit eine Freude machen konnte, indem man sich mitten in der Nacht um drei Uhr morgens aus dem Bett quälte, hinunter in die Küche tapste und dort sämtliche Küchenutensilien aus dem Schrank räumte, um...nun...

Um Weihnachtsplätzchen zu backen.

Dieses Vorhaben klang im Grunde genommen vollkommen harmlos. Die ganze Sache besaß nur einen einzigen Haken.

Sie hatten noch nie Weihnachtsplätzchen gebacken.

Und schon gar nicht ohne Zauberei.

Hilfe!!!

„Also, fangen wir an! Eine Mission, ein Ziel – zwei Männer!“

George atmete tief durch, strich sich während des Redens beide Ärmel seines blauweiß gestreiften Pyjamas hoch und schob einige Küchenutensilien in kleine Grüppchen zusammen.

„Packen wir’s an, Fred! Mum macht jedes Jahr zu Weihnachten Dutzende Plätzchen! So schwer kann das doch nicht sein!“

„Okay, wie fangen wir an?“

„Ich hab‘ keine Ahnung.“

„Äh...cool.“

George begann erneut, sämtliche Zutaten auf dem Tisch durcheinander zu stellen und dieses Mal in andere Grüppchen zu sortieren. Vielleicht kam ihm ja so der Lichtblitz. Hoffentlich. Irgendwie. So schwer konnte das doch nun wirklich nicht sein.

„Fred, denk‘ mal ganz angestrengt nach! Wir waren meistens anwesend, als Mum die Weihnachtsplätzchen gebacken hat! Was hat sie genau getan?!“

„Ich weiß nur noch, was wir getan haben. Fertige Plätzchen stibitzt.“

Beide Jungen seufzten synchron und senkten geknickt den Kopf.

„Wir sind erbärmlich“

„Armselig.“

„Jämmmerlich.“

„George, mein Lieber, so kann das nicht weitergehen! Wir – wir brauchen weder Mum noch irgendein saublödes Backbuch. Wahre Männer brauchen kein Backbuch! Wir schaffen es auch ohne! Los, gib mir mal das Mehl da! Und den Zucker!“

„Wahre Männer backen aber nicht...“ murmelte George und tat wie ihm befohlen.

~*~

Vielleicht hätten sie diese saublöde Idee mit dem Backen doch lieber sein gelassen und ihrer Mutter eher ein paar Socken gestrickt. Oder das Haus mit einer Zahnbürste sauber geschrubbt. Oder den Weltfrieden herbeigeführt. Alles schien besser zu sein, als Weihnachtsplätzchen ohne jeglichen Zauber zu backen.

Zuerst schmeckte der Teig ungenießbar, da George das Salz mit dem Zucker verwechselte und der riesige Teigklumpen nahezu steinhart wurde.

„Warum sieht das auch so gleich aus, verdammt?! Fred, was machst du da?“

„Ich teste, ob der hart gewordene Teig mein Körpergewicht aushalten kann.“, grinste Fred.

„Steig sofort mit deinen dreckigen Käsefüßen von unserem Plätzchenteig runter!“

Auch die Eierschalen – wie Fred ihn dezent darauf hinwies – gehörten gewiss nicht in einen Plätzchenteig.

„Ich dachte, da muss das ganze Ei rein?! Es heißt doch immer ‚Nehmen sie nun ein Ei und fügen es hinzu!‘ oder so ähnlich...! Mann.“

„Mit Eierschale schmeckt das aber irgendwie komisch...“

„Du hast doch nicht...?!“

„Waf if...?“

Das nächste Problem bestand darin, den mittlerweile fertig gewordenen, halbwegs genießbaren Teigklumpen auszurollen und anschließend auszustechen. Skeptisch hielt George ein paar Ausstechmotive in die Höhe, so als wolle er diese auf ihre Ungefährlichkeit und Richtigkeit prüfen.

„Fred, hör auf, in dem Teig rumzubohren... Nimm den Finger da raus!“

„Aber das fühlt sich toll an. Irgendwie so...glitschig.“

„Also, Mum benutzt immer diese Teile zum Ausstechen. Hier haben wir Sternformen, Kugeln, Herzen, ...“

„Keine Herzen! Ich bitte dich! Wir sind Jungs! Männer!“

„Na und?“

„Das ist unsere Mutter. Hallo?!“

„Okay, hast Recht. Keine Herzen. Nachher denkt Mum noch, wir...oh nein...nein, nein. Ich leg‘ die Herzen vorsichtshalber wieder in den Schrank zurück.“

„Eine wirklich sehr gute Idee, Bruderherz!“

Das Ausstechen des Teiges stellte an sich kein weiteres Problem dar. Insgesamt bekamen die Beiden drei kleine Bleche voll Plätzchen zusammen, indem sie hier und da das Bisschen Teig noch zusammenschoben. Obwohl die Kugeln nicht mehr wirklich wie Kugeln aussahen und die Sterne eher etwas anderem Unförmlichen glich, waren Fred und George mit ihrem Ergebnis äußerst zufrieden.

„Fred, mein Lieber, sehen diese Kugeln nicht sehr kugelhaft aus?“ fragte George mit einem Hauch von Stolz in der Stimme und stemmte seine Hände in die schmalen Hüften.

„Oh ja, in der Tat!“

„Und findest du, dass die Sterne irgendwie...verkrüppelt wirken?“

„Absolut nicht!“

„Perfekt! Wir sind Genies, Brüderchen!“

Freudig umarmten sich die beiden Jungen in ihren blauweiß gestreiften Pyjamas und sahen zufrieden auf ihre mit Plätzchen gefüllten Bleche.

„Sieh sie dir an, George. Unsere Babys.“

„Wir waren wirklich sehr fleißig, mein über alles geliebtes Brüderchen...“ flüsterte George mit einem dreckigen, kleinen Grinsen ins Freds linkes Ohr, der sogleich seinem Bruder ebenso dreckig grinsend in die Seite knuffte.

„Von dir bin ich ja auch nichts anderes gewohnt, George.“

„Ähem...“ George räusperte sich kurz verlegen. „Wir sollten uns gut um unsere Babys kümmern und ganz lieb zu ihnen sein! So wie man als frisches, glückliches Elternpaar seine Kinder eben pflegt.“

„Okay, dann schieb‘ unsere kleinen Prachtkerle mal in den Ofen!“

Während die Plätzchen im Ofen vor sich hin schmoren, machten sich die Zwillinge daran, die kleine Weasley-Küche wieder auf Vordermann zu bringen, was sich als gar nicht so einfach erwies. Irgendwie hatten sie doch mehr Mehl auf den Boden fallen gelassen, als ursprünglich angenommen. Und Zucker. Und Salz. Und noch ein Haufen anderer Dinge.

„Ich fühl‘ mich wie Mum...“ murrte Fred und unterdrückte ein Gähnen, als er seinen Arm unter einen Schrank verschwinden ließ, um eine verloren gegangene Plätzchenform hervorzufischen.

„Warum?“

„Weil ich putze... Ich wette, ich krieg‘ noch Brüste.“

„Ich würd‘ dich auch mit Brüsten lieb haben, Bruderherz.“ flüsterte George mit einem Grinsen auf den Lippen zurück und stellte gelegentlich ein paar der nicht benutzten Küchenutensilien wieder in den Schrank.

„Ehrlich?“

„Nee. Dann doch lieber rasierte Beine.“

Der goldfunkelnde Weihnachtsstern wurde wieder in die Mitte des riesigen Esstisches geschoben. Noch immer war die kleine Küche in einem rötlich-weihnachtlichen Licht getaucht, und der Schneesturm außerhalb des Fuchsbaus wollte gar nicht mehr aufhören. Im Haus jedoch war es angenehm warm, was nicht zuletzt an den leckeren Plätzchen im Innern des Ofen lag, die langsam aber allmählich das kleine Zimmer mit einem angenehmen Duft bescherten.

Nicht mal wenige Minuten später saßen George und Fred sabbernd und aufgeregt vor dem Ofen und drückten sich an dem kleinen Fenster ihre Nasen platt. Das unkontrollierte Flackern von Arthur Weasleys heißgeliebter Muggel-Weihnachtsbeleuchtung drang noch immer aus dem Nebenzimmer.

„Wie teilen wir unsere Plätzchen denn auf, George?“

Der Junge überlegte. „Mum kriegt zehn Plätzchen, damit sie nicht mehr sauer auf uns ist. Und Ginny kriegt neun Stück...du weißt schon, wegen der Beule.“

„Ja, stimmt... Dad bekommt sieben. Und die anderen...“ Fred gähnte müde.

„...jeweils ein halbes Stück, weil wir doch so unglaublich nette Brüder sind, an denen sich jeder ein Beispiel nehmen sollte!“ George grinste erneut und funkelte Fred herausfordernd an.

„So machen wir’s! Und jetzt lass uns unsere heißen Babys rausholen! Ich kenn‘ da einen guten Zauberspruch, der verhindert, dass wir uns an den Blechen die Pfoten verbrennen...“

„Na, da bin ich ja mal gespannt, Fred...“

~*~

Als Molly Weasley am nächsten Morgen aufwachte, rümpfte sie aufgrund des ungewöhnlichen Duftes, der anscheinend im gesamten Haus lag, sogleich ihre Nase. Ihr war sofort klar, dass an diesem Morgen irgendetwas anders war als sonst.

Mit einem letzten Blick auf ihren schlafenden Mann verließ sie das gemeinsame Schlafzimmer, um sich nach unten zu begeben. Schließlich musste der süßliche Geruch – ihrem gesunden Menschenverstand zufolge – aus der Küche stammen. Molly Weasley rückte ihr langes Nachthemd ordentlich zurecht, stieg in die wohlig warmen, dicken Plüschpantoffeln und nahm leise eine Treppenstufe nach der anderen Richtung Erdgeschoss.

Im gesamten Haus war es ruhig, aber für gewöhnlich schliefen auch noch sämtliche Mitglieder der Familie Weasley um sechs Uhr morgens, wenn Molly normalerweise beginnt, das Frühstück für Arthur und den Kindern vorzubereiten. Umso erstaunlicher und irritierter machte sie dieser ungewöhnliche und doch so bekannte Duft nach Teigwaren. Immerhin hatte sie gestern doch keineswegs gebacken. Und von Einbrecher, die in fremde Häuser einstiegen, um dort Kuchen und Kekse zu kreieren, hatte sie noch nie etwas gehört.

Schließlich trat sie mit einem leisen Schritt die letzte Treppenstufe hinunter in die Küche, und mit einem Mal – genau in der Sekunde, als sie langsam den Kopf hob – weiteten sich ihre Augen schlagartig angesichts des...Schlachtfeldes, das sich dort vor ihren eigenen Augen auftat und welches früher einmal ihre Küche gewesen ist.

Molly Weasley konnte es nicht fassen. Inmitten der rötlich-schimmernden, von ihr liebevoll aufgehängten Weihnachtsbeleuchtung in ihrer kleinen Küche befanden sich Teigreste an jeder erdenklich möglichen Stelle. Hier und da klebten Brocken von Teig an den Schränken, auf dem Tisch zwischen den vielen ebenso dreckigen Küchengeräten, die obendrein auf dem Boden und in der schmutzigen Spüle lagen. Offenbar hatte sich jemand bereits daran gemacht, alle Utensilien wieder sauberzumachen, war aber aus irgendeinem Grunde nicht sehr weit damit gekommen. Der Ofen stand offen, versprühte noch das letzte Bisschen Wärme, und an den Wänden gab es teigähnliche Abdrücke von – Sollten das Sterne sein? – irgendwelchen Formen, so als hätte jemand einen Richtungszauber angewandt, der nach hinten los ging und beinahe sämtliches Gebäck an die Wand klatschen ließ.

Hinter dem Fenster über der Spüle konnte Molly etliche weiße Schneeflocken sehen, die unaufhörlich auf die ohnehin schon dicke Schneedecke fielen. Am Horizont begann es bereits zu dämmern. Und die Küche sah aus, als sei sie von Terroristen heimgesucht worden.

Doch trotz des Schweinstalls, der um sie herum herrschte und ihre allmorgendliche gute Laune mit einem Schlag hätte vernichten müssen, lächelte Molly Weasley.

Leise ging sie wieder hinüber zum Esstisch, auf welchem in einer Ecke je ein Schuh der Familie Weasley ordentlich in einer Reihe aufgestellt war. Und bei näherem Betrachten konnte sie erkennen, dass ausnahmslos jeder Schuh mit einem durchsichtigen, kleinen Tütchen versehen war, in denen viele bunte Plätzchen steckten, auf deren Oberfläche ebenso bunte Streuselchen oder winzige Krokantstückchen klebten.

Ein schneller Blick auf sämtliche Schuhe verriet ihr, dass jedes ihrer Kinder vier Plätzchen bekommen hatte, mit Ausnahme von Ginny, in deren Tütchen – der Größe nach zu urteilen – weitaus mehr stecken musste.

Das größte Tütchen allerdings, nach ihrer Tochter, hatte sie. Molly Weasley.

Mit großen Augen nahm sie es in die Hand, öffnete das kleine Bändchen und griff hinein, um sich sogleich behutsam ein kleines Plätzchen in den Mund zu stecken. Der Geschmack, welcher ihr sofort auf der Zunge lag, war vielleicht nicht perfekt, aber das Wissen, von wem diese Plätzchen gebacken wurden, machte sie zu etwas sehr Perfektem für Molly Weasley.

Und ganz nebenbei konnte sie den leichten Geschmack von Kokos ausfindig machen.

Das Lächeln auf Mollys Gesicht wurde noch um einiges breiter und glücklicher, als sie in all dem Chaos, in all dem Dreck, den vielen Schuhen und Tütchen voll Plätzchen noch etwas ganz Besonderes ausfindig machen konnte.

Ihre beiden Plätzchenterroristen.

Friedlich saßen Fred und George an dem riesigen, vollbepackten Esstisch, hatten ihre Augen geschlossen und schlummerten leise vor sich hin. Sowohl ihre blauweiß gestreiften Pyjamas als auch die roten, wuscheligen Haare waren mit vielen Teigspuren versehen. Die Gesichter, die sie einander schlafend zugewandt hatten, waren weiß vom vielen Mehl. Genau zwischen den Beiden – auf dem Tisch – lag ein kleiner, leicht schmutziger Zettel, den Molly erst jetzt entdeckt hatte.

Während Molly Weasley den Zettel las, umspielte ihre Lippen das ganz besondere Lächeln einer glücklichen Mutter; und liebevoll und behutsam zugleich legte sie ihre Hände auf die roten Haarschöpfe ihrer Söhne, die leise schnarchend und offenbar vollkommen erschöpft unter ihr schlummerten...

Tut uns wirklich Leid, Mum!
Bitte sei nicht mehr sauer! Wir haben dich sehr lieb!
Fred & George


ENDE



***************************




Autor: EvilMokuba
Fandom: Yu-Gi-Oh
Challenge: „Wichtel dich um den Verstand“
Feedback: Hier im GB oder auf Animexx


Soziopathie: Unfähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, gleichzeitig eine klare Ablehnung und Missachtung sämtlicher sozialer Normen, Unfähigkeit, längerfristige Beziehungen aufrechtzuerhalten, fehlendes Schuldbewusstsein.

(Danke Wikipedia.)

(Für alle, die es nicht wissen: Bonkotsu = Armleuchter = Kaibas Spitzname für Jonouchi!)


Wichteln ist KRIEG

"Ähm...Kaiba, willst du mitwichteln?"

Er verstand nicht, was sie meinte, aber es hörte sich irgendwie versaut an.

Nicht, dass ihn so was besonders interessierte.

Er wandte sich von dem Laptop in seinem Schoss ab, um aufzusehen. Sein Arzt hatte ihm schon mehrmals abgeraten, das Teil dort zu platzieren, wegen der nicht unerheblichen möglichen Folgeschäden - aber sein Arzt konnte ihn mal kreuzweise.

So wie die Dinge standen, hatte Seto Kaiba eh keine Lust, sich fortzupflanzen.

Vor ihm stand Anzu Mazaki, und Anzu Mazaki hielt ihm einen alten, zerschlissenen Hut hin. Anzu Mazaki sah außerdem aus, als habe sie einen Bandscheibenvorfall. Oder möglicherweise eine Magenkolik. Auf alle Fälle sah sie aus, als leide sie Qualen.

Kaiba kniff skeptisch die eisblauen Augen zusammen.

Den Hut hatte er schon mal bemerkt. Ein elendes, ärmliches Teil, wahrscheinlich aus dem Theaterfundus, Kostüm: "Obdachloser Bettler No. 2" oder so. Vielleicht war´s Bonkotsus Hut. Und immer, wenn es Dezember wurde, tauchte dieser Hut aus dem Nichts auf und ging in der Klasse rum.

Kaiba wusste nicht, was es damit auf sich hatte. In seine Nähe hatte sich nämlich noch niemand mit diesem Hut gewagt. Große Ausnahme: Anzu Mazaki, heute.

Zurück zum Thema - Wichteln?! Mitwichteln? Mit wem? Und was zum Geier war Wichteln!? War es so versaut, wie es sich anhörte? Machte ihm Anzu Mazaki, die keimfreiste Klassensprecherin auf dieser weiten Erde, mitten auf dem Schulflur ein unzüchtiges Angebot? War die nicht irgendwie mit Yuugi verlobt oder ihm zumindest total verfallen?

Er neigte sich, so dass der Schatten seiner langen, schlanken Gestalt über sie fiel. Für die meisten hätte das nun schon ausgereicht, sich strategisch rückwärts zu entfernen, nicht so die kleine brünette Klassensprecherin, die ihm nur kampfbereit den erbarmungswürdigen Hut unter die Nase schob.

Kaiba mochte es nicht, wenn er ein Wort nicht kannte. Noch weniger mochte er es, nachzufragen. Also knurrte er nur verächtlich: "Wichteln? Und dann?!"

Anzu blies sich entnervt in die dunkelbraune, schulterlange Mähne. "Hör mal, ich wusste, dass ich mir irgendeinen blöden Spruch damit einfange - aber als Klassensprecherin ist es meine Pflicht, alle aus der Klasse zu fragen, ob sie mitmachen. Also nimm dir nen Zettel aus dem Hut oder lass es sein."

"Hanasaki hat mich nie gefragt, ob ich mit ihm wichteln will."

"Hanasaki hat auch Angst vor seinem eigenen Meerschwein. Außerdem bin ICH nun Klassensprecherin. Und ich wichtel nicht mit dir, sondern mit der kompletten Klasse, das ist prima für die Gemeinschaft."

Er schnaubte anzüglich. "Kann ich mir denken."

Sie wurde rot. "Schon ok, ich hab´s kapiert. Dann spielst du eben nicht mit. Schöne Feiertage dann noch." schnappte sie und dreht auf dem Absatz um.

Es sprach leise, aber sie blieb nach etwa drei Metern stehen wie ein Reh, das etwas in der Luft witterte, als sie ihn hörte.

"...Spiel? Was für ein Spiel?"

Sie wartete kurz, bevor sie sich umwandte, und er ahnte, dass sie ein Grinsen versteckte. Alle wussten, dass er es nicht ertragen konnte, wenn er ein Spiel nicht kannte.

Diese blöde Kuh.

Mit unschuldigem Gesichtsausdruck kam sie wieder näher. Es kam selten vor, dass irgendwer sich ihm einfach so näherte. Geradeaus, von vorn, ohne zu zucken. Aber ok, das Mädchen hatte einen Arsch in der Hose, das wusste er bereits. Gehörte einiges dazu, Yuugi Mutôs Mädchen zu sein und dazu auch noch zu stehen.

"Genau. Wichteln ist ein Spiel. Ein Weihnachtsspiel... - "

Sie fuhr rasch fort, als sie sah, wie er bei dem Wort Weihnachten eine Grimasse machte, als habe man ihm eine Flasche Tippex verabreicht. "Die Namen von allen aus der Klasse kommen in den Hut, und alle ziehen einen. Dann muss man für die Person ein Geschenk besorgen. Austausch ist morgen."

Er war mehr als unbeeindruckt. Aber es missfiel ihm, dass die Leute hier ein Spiel spielten und ER war nicht dabei. "Gibt es einen Gewinner bei dem Spiel...?" wollte er wissen.

"Ich hab kein Interesse an Sachen, bei denen ich nicht Gewinne."

Er dachte, ein erheitertes Zucken in ihrem Mundwinkel zu sehen, aber das konnte nicht sein. Keiner lachte über ihn. Keiner.

Sie beugte sich verschwörerisch zu ihm vor. Er beugte sich unerfreut zurück.

"Sicher, Kaiba. Wer den Geschmack des anderen am allerbesten trifft, der erhält den Titel..." Sie hielt kurz inne und schien nachzudenken. "Den Titel Wichtelchampion."

Hörte sich Scheiße an. Aber Champion war ok, dachte er.

Er ließ seine lange, schlanke Hand in den Hut wandern. Widerlich. Wurde das Teil wohl wenigstens desinfiziert...?

Die anderen waren offenbar eifriger aufs Wichteln als er. Der Hut war fast leer, erst im letzten Winkel fand er ein kleines, zerknülltes Stückchen Papier.

"Richte den anderen aus, dass sie keine Chance mehr haben," informierte er sie. "Seto Kaiba ist ins Spiel eingestiegen, und ich werde sie alle ungespitzt in den Boden wich...-"

Sie war nicht interessiert. "Freut mich zu hören, Kaiba. Entschuldige mich nun bitte." Sie zwinkerte - sie zwinkerte ?! - ihm zu. "Ich muss dringend meine Hände waschen. Dieser Hut ist so widerlich!"

Damit ließ sie ihn stehen. Er hatte nicht mal mehr Zeit, sich mit einem verächtlichen Schnauben von ihr abzuwenden. Er fühlte sich um seinen Abgang betrogen.

"Miss Mazaki, wie?" hörte er eine hohe Stimme hinter sich. Er drehte sich um und blickte auf seinen mikroskopisch kleinen Chemielehrer runter. "Ach, Mr. Kaiba, ich hatte immer den Wunsch, Sie beide würden sich besser verstehen. Zwei so kluge Schüler wie Sie beide. Tolles Mädchen, prima Noten, sozial SO engagiert...!"

Er starrte den Mann so lange wortlos voller Abscheu und Unverständnis an, bis dieser sich murmelnd rückwärts entfernte.

Dann faltete er seinen Zettel auseinander um zu sehen, welche Herausforderung er angenommen hatte. Er las den Namen und krächzte erstickt.

Ach du liebe Scheiße.

***

An diesem Abend begab sich Seto Kaiba in eine Welt, von der er dachte, sie nie wieder sehen zu müssen.

Eine laute, feuchte, riechende Welt. Eine Welt aus Familienvätern, denen die Haare ausgingen, altgewordenen Fischbrötchen in schlecht beleuchteten Vitrinen und rasend blinkenden Dekofenstern, die einen Epileptiker umgebracht hätten.

Die Einkaufspassage neben der Schule.

Zumindest kam er nicht ins Gedränge. Alle, selbst die hartgesottenen fetten Mütter, die mit ihren Regenschirmen um sich schlugen, wichen vor dem hochgewachsenen CEO aus und bildeten ihm eine Schneise. Die er nicht wirklich brauchen konnte, denn er wusste nicht, wohin er sollte.

Ein Trupp kichernder Schulmädchen zückte Kameras und lichtete ihn fünf Minuten dabei ab, wie er planlos vor einem Krawattenladen stand, aber es war ihm egal. In einem der benachbarten Schaufenster erhaschte er einen Blick auf Bonkotsu, der offenbar Yuugi dazu bewegen wollte, ein Mädchentop für ihn anzuprobieren.

Gut. Die Konkurrenz hatte also auch keinen Plan.

Kaiba sah sich hoffnungslos um. Weihnachten hatte für ihn nur einen Zweck: es kurbelte den Absatz von Duel Monsters-Produkten an. Und Mokuba liebte das Fest irgendwie. Nicht der Geschenke wegen - Mokuba konnte täglich eine neue Spielkonsole oder ein Segelboot haben, wenn er wollte.

Vielleicht ihres Vaters wegen...weil er sich erinnerte, wie sie zu dritt, ihr Vater, Seto, und er, unterm Weihnachtsbaum rumgesessen hatten. Zusammen. Und eine Familie waren. Oder so.

Aber während er zusah, wie die übernächtigt aussehenden Eltern ihre rotgesichtigen Blagen an den Schaufenstern vorbeizerrten, fragte er sich ernsthaft, woher dieses blöde Fest sein Image als Oase des Friedens hatte. Irgendwo arbeiteten sich hier namenlose PR-Leute den Arsch ab...

Plötzlich ging direkt neben ihm ohne warnende Worte ein Lautsprecher los, aus dem ein mehrstimmiger Knabenchor herausbratzte, dass fast die Steine von der Decke kamen.

Kaiba wich zurück, immer weiter, bei dem Versuch, dem Lärm zu entkommen, ohne wie panisches Fluchtwild auszusehen, als... -

PFFFSCHT!

"Unser neuer Herrenduft, Schottisch Moos, in der supergünstigen Geschenkflasche mit Bonus-CD, der Herr?!"

Kaiba fauchte. Drehte sich um. Machte sich bereit, der zugeschminkten Maske vor ihm zu erklären, dass die Bonus-CD bestimmt senkrecht in ihren Hals passte, als eine sanfte Hand ihn am Arm nahm, und ihn zielbewusst aus der Duftwolke manövrierte.

Kaiba mochte nicht berührt werden, aber es war eine sanfte, überzeugte Bestimmtheit in dieser Hand, die ihn beruhigte. Die Hand schien zu wissen, was sie tat und wo sie hinwollte. Er mochte Zielstrebigkeit.

Sie waren in einer ruhigen, verborgenen Ecke hinter einem Zwei-Meter-Weihnachtsmann angelangt, als Anzu Mazaki ihn losließ und tief durchatmete. "Den Posten hatte ich auch mal," sagte sie und nickte der Parfüm-Maske zu, die einen verwirrt aussehenden Skateboardfahrer einnebelte. "Schlimmster Posten ever. ALLE hassen dich."

Sie lächelte ihn an. Auf diese nicht-ängstliche, neutrale, unerschrockene Art, die ihn irritierte. Anzu Mazaki konnte alle leiden. Selbst ihn. Das war doch krank.


"Alles ok, Kaiba? Du siehst...verängstigt aus."

"Ich habe NIE Angst."

"Das ist ok," sagte sie leise, und legte auf ihre ihm vertraute Sozialpädagoginnen-Art eine Hand auf seine Schulter. "Shoppen zu Weihnachten bringt erwachsene Männer zum Weinen."

Er konnte ihr nicht widersprechen. Als er sie nun musterte, stellte er fest, dass verschiedene Tüten in allen möglichen Größen von ihr runterbaumelten. Er knirschte mit den Zähnen. Sie war besser in diesem Spiel als er. Anzu Mazaki. Man stelle sich das vor.

Sie sah auf ihre lächerliche kleine rosa Uhr. "Zeit für Glühwein," stellte sie fest. Sie sah ihn abwartend an. Wie?! Er und sie?

"Ich nehme keine Befehle von dir an, Mazaki," zischte er, während ein Schwarm desorientierter Grundschüler an ihren Hüften vorbeischwappte. Sie blinzelte. "Ok," sagte sie leise und wandte sich zum Gehen.

Aber verdammt, sie schien nicht schlecht zu sein in dem, was sie tat. All diese Tüten, dieses vollkommen unerklärliche Strahlen in all diesem Horror. Er konnte sie abfüllen und ihr einige Tricks entlocken...und vielleicht einen Blick in diese Tüten werfen.

Er musste siegen in diesem Spiel. Er musste einfach.

Kaiba wusste seine Chancen einzuschätzen. Wenn er hier alleine blieb, so viel war klar, ging er drauf. Mit zwei Schritten seiner langen Beine hatte er sie eingeholt.

"Wahrscheinlich keine üble Idee," brummte er ihr zu. "Sicherlich ist es besser zu ertragen, wenn man breit ist."

***

Sie zahlte ihren Glühwein selbst, das beeindruckte ihn. Die meisten Leute, die mit ihm irgendwohin gingen - eigentlich nur aus Gründen, die Geschäfte betrafen - benahmen sich, als stünden sie neben einem Geldautomaten. Sie fragten nicht einmal.

Aus irgendeinem Grund schien sie sich an diesem schrecklichen Ort wohl zu fühlen. Sie war immun gegen Weihnachtschöre und die verkleideten Studenten, die alle drei Meter mit weißen Bärten aus irgendwelchen dunklen Ecken sprangen. Sie wusste instinktiv, an welchen Tisch am Glühweinstand man sich stellen musste, um am wenigsten von dem Lärm abzubekommen. Dort standen sie nun und nippten an heißen Tonkrügen.

Anzu Mazaki plapperte. Kaiba lauschte ihr. Vielleicht würde sie die Geheimnisse des Wichtelns ausspucken, ohne dass er ihr einen zweiten Glühwein spendieren musste...?

"Es war diesmal HÖLLE, meinen Wichtelpartner zu tauschen," sagte sie unbekümmert, als würde ihr Leben ihn was angehen. "ich hab erst Kawasaki gezogen, den dann gegen Murakami eingetauscht, dann hab ich von Jonouchi für Murakami Miho bekommen, und die konnte ich dann endlich bei Honda gegen Yuugi tauschen. Ich weiß halt am besten, was Yuugi toll findet, und ich..."

Kaibas feine Augenbrauen zogen sich zusammen. "Du hast mir verschwiegen, dass man tauschen kann. Das bedeutet, du hast den Wettbewerb behindert...!" Er hielt inne.


"Du bist schlau," stellte er fest. "Kawasaki gegen deinen Freund zu tauschen..."

Anzu prustete in ihren Glühwein. "D-das...Yuugi ist nicht mein Freund," protestierte sie, als habe er ihr gegens Schienbein getreten, während Röte ihr Gesicht überflutete, "wir kennen uns nur schon sehr lange und..."

Kaiba schnaubte. "Klar," spottete er. Für wen hielt sie ihn denn? "Du kannst vielleicht alle anderen verarschen, aber mich nicht. Du bist verknallt in ihn, oder nicht?"

Sie hielt abrupt den Mund und starrte in den halbleeren Becher auf der billigen Plastiktischdecke. Mist. Er hatte ihren Redefluss abgeschnitten...!

"Willst du sehn, wen ich habe?" fragte er schließlich mürrisch. Er musste hier weiterkommen mit der Kleinen.

Das schien sie effektiv abzulenken. Die Röte verkrümelte sich wieder. "Sicher."

Er holte das Papierknöllchen raus und zeigte es ihr. Sie sah kurz hin und lachte.

"Ach du liebe Scheiße!"

"Du sagst es."

Sie hob die Augenbraue. "Und? Wie kommst du voran?"

Sofort wurde Kaibas Miene verschlossen. Oder vielmehr verschlossener als ohnehin schon. Er konnte keine Niederlagen zugeben. "Ich arbeite daran. Ich war dabei, meine Möglichkeiten durchzugehen, als du mich unterbrochen hast."

"Du hast ausgehen wie ein erschrockenes Kaninchen..."

"Habe ich nicht. Ich erwäge meine Möglichkeiten sorgfältig."

"Aber in einer halben Stunde macht die Mall zu, Kaiba."

Scheiße.

Er starrte sie an.

"SEHR clever, Mazaki," fauchte er. "Und nun entschuldige mich. Ich muss Zeit aufholen."

Das Miststück. Lockte ihn hier an diesen Saufstand, damit er seine Zeit verplemperte und das Wichteln verlor. Damit SIE Champion wurde. Gerissen.

"Kaiba, warte."

Da war schon wieder diese Hand an seinem Arm. Anzu Mazaki fasste gerne Leute an. Selbst ihn. Das war doch krank.

"Lass dir wenigstens nen Tipp geben von einer, die sich auskennt...- "

"Ich brauche keine T... - "

Sie ließ ihn nicht los. Stattdessen neigte sie sich zu ihm vor, als wolle sie ihn verraten, wie man am besten ins Pentagon einsteigen konnte oder ähnliches.

"Wichteln, Kaiba," stieß sie dann bedeutsam hervor, "Wichteln ist KRIEG. Verstehst du mich?"

Er lehnte sich interessiert vor. Endlich kamen sie der Sache näher. "So?"

Sie nickte. Wieder schlich dieser erheiterte Schatten über ihr Gesicht, als würde sie sich über ihn amüsieren...nur, dass das natürlich unmöglich war.

"Du musst deinen Wichtelpartner wie einen Feind betrachten," fuhr sie verschwörerisch fort.

Das konnte er. Damit hatte er Erfahrungen. Immer gebannter lauschte er ihr.

"Was ist das wichtigste an deinem Feind...? Du musst ihn kennen. Genau kennen."

"Danke, Anzu, ich habe auch Machiavelli gelesen," knurrte er. Na schön, er war irgendwo bei Kapitel zwei. Er hatte einfach keine Zeit zum Lesen.

"So? Ich nicht. Wie auch immer. Also, du musst dich in ihn reinfühlen....was sind seine Schwächen? Womit macht man ihn schwach?"

Kaiba begann, düster zu lächeln. So ging es. So konnte er es verstehen. Ein Wichtelpartner war nichts anderes als ein Rivale, in dessen Hirn man eindringen musste. Wie bei einer Partie Duel Monsters. Wie bei einer feindlichen Firmenübernahme.

Er wusste nun, wie er an die Sache rangehen musste.

"Mit dieser Weisheit," schloss sie, "muss es eigentlich klappen. Ich war nun lange Zeit im Wichteln ungeschlagen. Aber es wird Zeit, mein Wissen weiterzugeben."

"Anzu - machst du dich über mich lustig?"

"Niemals. Man macht keine Scherze übers Wichteln. Und nun schnapp sie dir, Wichtelchampion."

Mit einem letzten Klopfen auf seine Schulter war sie wieder im Getümmel verschwunden.

***

"Ich bekomm doch sowieso wieder Schrott," verkündete am nächsten Tag ein mürrischer Jonouchi der mehr als desinteressierten Klasse, "ich bekomme doch IMMER Schrott."

Kaiba beobachtete, wie der Blonde sich selbstmitleidig durchs Haar fuhr. Kein Wunder, dass er mit der Einstellung keinen Fuß auf den Boden kriegte...!

"Ich fand meinen Nägelklipper letztes Mal ne prima Idee," knurrte Honda beleidigt.

Anzu Mazaki, die den Korb mit Geschenken balancierte, lächelte auf ihre bizarr glückliche, engelsgleiche Weise.

"Jonouchi, der Sinn der Wichtelns liegt darin, sich gegenseitig mit lieben Kleinigkeiten zu überraschen, nicht das beste Geschenk zu bekommen. Es geht nicht ums Gewinnen. Yuugi, hier ist deins," flötete sie.

Bei dem vorletzten Satz zwinkerte sie Kaiba zu. Das Mädel war doch nicht zu retten. Yuugi, Honda und Jonouchi folgten dem Blickwechsel irritiert, bevor Yuugi daranging, sein Päckchen aufzufummeln.

Kaiba lehnte sich kaum merklich vor. Er wollte doch sehen, was die kleine Wichtelmeisterin zustande brachte.

"Pokemon-Socken...? Wow. Danke, Miho." krächzte Yuugi und erwiderte Pikachus gedruckten Blick leicht entsetzt. Das blonde Mädchen in der letzten Reihe errötete.

...Miho?! Socken?!

Kaiba fuhr herum, um Anzu Mazaki einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen, aber diese schwebte nur durch den Raum und ließ Päckchen in verschiedene Hände fallen. Schließlich auch in seine. Dabei schenkte sie ihm das selbe gütige Christkind-Lächeln, mit dem sie alle bedachte, und ließ sich nichts anmerken. Oh, das machte ihr Spaß. Das Mädchen war teuflisch.

Ohne Interesse riss Kaiba das knallbunte Papier auf.

Es enthielt "Der Fürst" von Machiavelli als Hörbuch, und einen dicht beschriebenen Zettel.

Kaiba,

ich muss zugeben, dass ich keinen Plan hatte was ich dir schenken sollte, bis du mir in der Passage begegnet bist. Aber man muss nur hinhören können.

Du kannst sie im Auto hören und verlierst keine Zeit und lernst was. Ich bin sicher, dass du meine Ratschläge beherzigt hast. Und noch einen weiteren siehst du hier.

Manchmal bringt Lügen einen weiter, wenn der andere denkt, dass man was anderes vorhat. Frohe Weihnachten. Anzu.

Diese...!


Kaiba zerknüllte das Papier mit einem leisen Fauchen. Hanasaki neben ihm warf ihm einen verängstigten Blick zu, aber in diesem Moment wurden sie alle von einem begeisterten Japsen abgelenkt.

"WOW!" Jonouchi hielt sein Wichtelgeschenk gegen das Licht der Schullampe und betrachtete es verliebt, als wäre er nicht sicher, ob es echt war.

"Das...das ist ein rarer Druck vom Schwarzen Rotaugendrachen! Aus der Edition von 1997! Die sind voll selten und...!"

In dem Moment fiel dem Blonden das kleine, vorgedruckte Etikett auf, das lose aus dem zerrissenen Papier baumelte. Seine braunen Augen wurden riesengroß. "Das...also...ich weiß nicht...was ich...

Er wandte sich dem CEO zu. Wenn man die Freude über ein Geschenk an der Röte im Gesicht messen konnte und bedachte, dass Jonouchi die röteste Birne im kompletten Klassenzimmer hatte, konnte Kaiba zufrieden sein.

"Also...danke Kaiba." hustete aus Bonkotsu raus.

Kaiba war zufrieden.

In einer entfernten Nische des Klassenzimmers beugte sich Yuugi zu Anzu rüber und raunte: "Wie zum Geier hast du SETO KAIBA davon überzeugt, beim Wichteln mitzumachen?!"

Anzu musste Grinsen, während sie das geschmacklose knatschbunte Top von Jonouchi zusammenlegte. "Ich denke, man muss einfach eine Sprache finden, die er versteht," sagte sie.

Dann lehnte sie sich vor, fand Kaibas Ohr, und flüsterte: "Gratuliere. Gewonnen."


ZUCKERSCHOCK, ENDE UND AUS.



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung